Vorhänge sind in deutschen Wohnungen oft die schnellste Maßnahme mit großer Wirkung: weniger Hall, mehr Privatsphäre, bessere Verdunkelung und ein ruhigerer Gesamteindruck. Gleichzeitig sind sie eine typische Fehlerquelle: falsche Breite, zu kurze Länge, ungeeignete Aufhängung oder Stoffe, die sich verziehen und schlecht fallen.
Mit einem sauberen Mess- und Entscheidungsprozess bekommst du ein Ergebnis, das im Alltag funktioniert. Besonders relevant in Mietwohnungen: Lösungen ohne Bohren, saubere Rückbaubarkeit und ein System, das du bei einem Umzug mitnehmen kannst.
In diesem Guide bekommst du konkrete Maße, Faustregeln und praxiserprobte Setups für Wohnzimmer, Schlafzimmer, Home Office und Balkon-Türen.
Micro-BOM: Grundausstattung für ein Fenster (ca. 1,2 bis 2,0 m breit)
Schiene (1-läufig) oder Stange 160-200 cm: ca. 20-80 EUR
Gleiter/Ringe (20-40 Stück): ca. 5-15 EUR
Vorhangstoff oder fertige Vorhänge (je nach Breite): ca. 40-200 EUR
Verdunkelungsfutter (optional): ca. 20-60 EUR
Thermo-/Akustikband oder Bleiband (optional): ca. 5-20 EUR
Montagematerial (Dübel/Schrauben oder Klemmträger): ca. 5-25 EUR
Deckennahe Schiene und bodenlange Vorhänge wirken ruhiger und reduzieren Lichtspalten.
Richtig messen: So vermeidest du die 3 häufigsten Fehlkäufe
Du brauchst vier Maße: Fensterbreite, gewünschte Abdeckung, Montagehöhe und Ziellänge. Miss immer vor Ort und nicht „nach Gefühl“. Gerade in Altbauwohnungen sind Fensterlaibungen, Heizkörper und breite Fensterbänke echte Stolperfallen.
1) Breite bestimmen: Fenster, Wand oder ganze Nische?
Entscheide zuerst, welche Fläche der Vorhang abdecken soll:
Minimal (optisch ruhig, wenig Stoff): Vorhang deckt Fenster plus je 10-15 cm links/rechts ab.
Komfort (Standard, gute Lichtkontrolle): Fenster plus je 20-30 cm links/rechts.
Maximal (beste Verdunkelung und Akustik): bis zur Wandkante oder über die gesamte Nische.
Praxis-Tipp: Wenn du seitlich Lichtspalten vermeiden willst (Schlafzimmer, Straßenlaterne), plane links und rechts eher 30 cm, besonders bei bodentiefen Fenstern.
2) Stoffmenge (Faltenwurf): Die einfache Formel
Die Stoffbreite bestimmt, ob der Vorhang „reich“ fällt oder mager aussieht.
Leichte Stoffe (Voile, dünne Baumwolle): 2,0 bis 2,5x Schienenbreite
Mittlere Stoffe (Leinenmix, Dekostoff): 1,8 bis 2,2x
Schwere Stoffe (Samt, Blackout): 1,5 bis 2,0x
Beispiel: Schiene 200 cm, mittlerer Stoff 2,0x - du brauchst ca. 400 cm Gesamtstoffbreite (zwei Bahnen je 200 cm sind meist praktikabel).
3) Länge: Bodenkontakt ja oder nein?
„Kuss zum Boden“ (empfohlen): endet 0-1 cm über Boden. Sieht sauber aus, ist alltagstauglich mit Staubsauger.
„Schwebend“: 2-3 cm über Boden. Praktisch bei Robotersauger und wenn Kinder/Haustiere am Stoff ziehen.
„Puddle“ (aufstehend): 5-15 cm länger. Sieht edel aus, ist aber Staubfänger und nervt beim Lüften.
Wichtig: Miss vom Aufhängepunkt (Gleiterunterkante/ Ringunterkante) bis zum Boden. Bei Ösen-Vorhängen zählt die Stange als Bezug: hier ist die effektive Länge oft kürzer als gedacht.
Schiene oder Stange: Welche Aufhängung funktioniert in der Praxis?
Die Optik ist Geschmackssache, die Funktion nicht. In kleinen Räumen und bei großen Fensterfronten ist die Schiene oft klar überlegen.
Stoff ist nicht nur Farbe. Er entscheidet, ob der Raum tagsüber blendfrei ist, ob du abends Silhouetten siehst und wie stark sich der Hall reduziert. In der Praxis bewährt sich oft ein 2-Lagen-System: transparente Gardine plus dichter Vorhang.
1) Transparente Gardinen: Tageslicht, aber Sichtschutz
Voile/Polyester: pflegeleicht, fällt gleichmäßig, gute Wahl für Familien.
Leinenoptik: wirkt hochwertiger, knittert aber schneller und braucht oft mehr Gewicht im Saum.
Privatsphäre-Regel: Tagsüber schützt transparent nur gegen direkte Einblicke. Abends bei Innenlicht sieht man oft trotzdem Konturen. Dann brauchst du zusätzlich einen dichteren Vorhang oder Plissees/Rollos.
2) Dekostoffe: der Allrounder für Wohnzimmer
Baumwolle/Mischgewebe: solide, gut zu reinigen, gute Preis-Leistung.
Leinen/Leinenmix: sehr wohnlich, aber empfindlicher (Knitter, Schrumpf bei falschem Waschen).
Akustik: Je schwerer und strukturierter der Stoff, desto mehr Schall schluckt er. In halligen Räumen bringen dichte Vorhänge oft mehr als ein zusätzlicher kleiner Teppich.
3) Verdunkelung (Blackout/Dimout): Schlafzimmer und Screens
Dimout: dunkelt deutlich ab, aber nicht komplett. Oft schönerer Fall.
Blackout: nahezu dunkel. Wichtig bei Schichtarbeit, Straßenlaternen, Sommerfrühe.
Praxis-Tipp: Achte bei Blackout auf die Rückseite. Gummierte Beschichtungen können empfindlich sein (Hitze, falsches Waschprogramm). Wenn Kinderhände oder Haustiere dran sind, ist ein robustes Gewebe ohne empfindliche Beschichtung oft sinnvoller.
4) Thermovorhänge: sinnvoll, aber nur im richtigen Setup
Thermovorhänge helfen spürbar bei Zugluft und Kälteabstrahlung, vor allem bei älteren Fenstern.
Wichtig: Vorhang sollte seitlich und unten möglichst dicht schließen, sonst verpufft der Effekt.
Heizkörper-Regel: Hängt der Vorhang vor dem Heizkörper, staut sich Wärme am Fenster. Besser: Vorhang endet knapp über dem Heizkörper oder Heizkörper hat ausreichend Abstand nach vorn.
Details, die den Unterschied machen: Saumgewicht, Abstand, Überlappung
Viele Vorhänge wirken „billig“, weil sie nicht ruhig hängen. Drei kleine Stellschrauben lösen das oft ohne Neukauf.
Saumgewicht: schneller Fix für besseren Fall
Bleiband oder Säumchen mit Gewichten sorgt für geraden Fall, vor allem bei Leinenoptik.
Bei Fertigvorhängen kannst du Gewichte oft in die Saumecken einnähen.
Wandabstand und Lichtspalt: 5 cm machen viel aus
Schiene: möglichst nah an Wand/Decke montieren (meist 2-5 cm Wandabstand).
Stange: wähle Halter, die den Stoff nicht zu weit in den Raum ziehen. Zu großer Abstand wirkt unruhig.
Für bessere Verdunkelung: Plane eine Überlappung in der Mitte (zwei Bahnen, die sich 10-15 cm überdecken). Bei einer Bahn in der Mitte bleibt fast immer ein Lichtschlitz.
Heizkörper: Vorhanglänge so wählen, dass Luft zirkulieren kann, oder den Vorhang seitlich parken.
Sofa/Sideboard vor Fenster: Vorhang darf nicht dauerhaft gequetscht werden. Besser Schiene breiter planen, damit der Stoff neben dem Möbel steht.
Balkon-Tür: Setze auf leichtgängige Schiene und nimm Stoff, der nicht ständig im Türspalt landet. „Schwebend“ (2-3 cm über Boden) ist hier oft alltagstauglicher.
Für echte Dunkelheit: zwei Bahnen mit Überlappung und seitlichem Überstand.
Konkrete Setups nach Raum: Was sich bewährt
Wohnzimmer (20-35 m2): wohnlich, blendfrei, weniger Hall
Empfehlung: 1-läufige Schiene mit Blackout oder Dimout, optional zusätzlich eine leichte Gardine
Montage: nah an der Decke, seitlich großzügig (je 25-30 cm)
Farbe: mittel bis dunkel wirkt ruhiger, sehr hell kann trotz Blackout seitlich Licht streuen
Wenn du empfindlich schläfst: Kombiniere Dimout + zusätzliches Verdunkelungsrollo. Das ist oft dichter als „nur“ ein Blackout-Vorhang, weil es seitliche Spalten minimiert.
Home Office (8-14 m2): blendfreies Arbeiten ohne Höhlengefühl
Empfehlung: transparente Gardine plus seitlicher Vorhang für die Sonnenseite
Alternative: Screen-Rollo + Dekovorhang für Akustik
Praxis-Tipp: Für Videocalls wirkt ein Vorhang als Hintergrund oft besser als ein vollgestelltes Regal. Wähle eine matte, ruhige Struktur (Leinenmix, schwere Gardine).
Kinderzimmer: robust, waschbar, ohne Kordel-Chaos
Stoff: pflegeleichtes Mischgewebe, waschbar bei 30-40 Grad
Länge: eher schwebend, damit keine Stolper- und Ziehkante entsteht
Sicherheit: bei Rollos/Plissees auf kindersichere Bedienung achten
Pflege, Schrumpf und Knitter: So bleibt das Ergebnis lange gut
Viele Stoffe verändern sich nach der ersten Wäsche. Plane das ein, bevor du endgültig säumst oder kürzt.
Vor dem Kürzen waschen, wenn der Stoff waschbar ist. Leinen kann spürbar einlaufen.
Dampf statt Bügelstress: Steamer oder Dampffunktion am Bügeleisen bringt den Fall schnell zurück.
Aufhängen leicht feucht: Viele Stoffe glätten sich am Fenster durch Eigengewicht.
Staub: In Städten oder an Hauptstraßen Vorhänge öfter ausschütteln oder absaugen (Polsterdüse).
Podsumowanie
Breite zuerst definieren (minimal, komfort, maximal) und dann Stoffmenge über den Faltenfaktor rechnen.
Länge praxisnah wählen: 0-1 cm über Boden ist der beste Standard, Balkon-Tür oft 2-3 cm.
Schiene ist funktional meist besser als Stange: weniger Lichtspalt, ruhiger Look, leichter Lauf.
Stoff nach Nutzung wählen: 2-Lagen-System (Gardine + Vorhang) ist am flexibelsten.
Für Verdunkelung: seitlich großzügig planen und zwei Bahnen mit Überlappung nutzen.
Details wie Saumgewicht und Montagehöhe entscheiden über „billig“ vs. „fertig“.
FAQ
Wie hoch sollte ich die Gardinenschiene montieren?
Wenn möglich 5-10 cm unter der Decke. Das wirkt höher, lässt mehr Licht rein und der Vorhang deckt das Fenster besser ab. Nur auf Kollisionen mit Stuck oder Rollladenkasten achten.
Reicht ein Blackout-Vorhang für komplette Dunkelheit?
Oft nicht, weil seitlich und oben Lichtspalten bleiben. Für echte Dunkelheit: Schiene nah an Decke, seitlich je 25-30 cm Überstand und zwei Bahnen mit 10-15 cm Überlappung. Optional zusätzlich ein Rollo.
Welche Stoffbreite brauche ich, damit Vorhänge nicht dünn aussehen?
Als solide Faustregel: 2,0x Schienenbreite. Bei sehr leichten Stoffen eher 2,5x, bei schweren Blackouts 1,5-2,0x.
Was ist die mieterfreundlichste Lösung ohne Bohren?
Für leichte Gardinen: Spannstange in der Laibung. Für mehr Stabilität: Klemmträger am Fensterrahmen, aber nur mit moderatem Gewicht. Für Verdunkelung sind bohrfreie Lösungen häufig zu schwach.